Augsburger Netzwerk Trennung Scheidung

Sachverständige

Die Rolle des Sachverständigen im familiengerichtlichen Verfahren

Der im Rahmen des familiengerichtlichen Verfahrens beauftragte psychologische Sachverständige versteht sich traditionellerweise als Helfer des Gerichts. Er hat die Aufgabe, dem Gericht bei der Formulierung einer Entscheidung zu helfen. Um selber die Empfehlung zu formulieren, die dann oft als Grundlage der gerichtlichen Entscheidung dient, nimmt er Kontakt mit der betroffenen Familie auf, um nach einer Reihe von Gesprächs- und diagnostischen Explorationsterminen dazu in der Lage zu sein. Es wird dabei vorausgesetzt, dass der Sachverständige unparteiisch, unbefangen und neutral vorgeht und neben der Fachkenntnis ein fundiertes Wissen der einschlägigen Gesetze vorweisen kann.

Allerdings fehlt es in der Familienrechtspsychologie bisher an sicherem Fachwissen und Methoden, die es erlauben, auf eine spezifische Frage des Gerichts für eine besondere Familiensituation mit naturwissenschaftlicher Sicherheit Prognosen zu stellen. Aufgrund dieses Mangels bedient sich der Sachverständige wahlweise der Methoden der einzelnen Fachdisziplinen, z.B. der klinischen Psychologie, der Scheidungs- und Bindungsforschung oder der Entwicklungspsychologie.

Mittlerweile haben sich die Anforderungen an das sachverständige Vorgehen jedoch verändert. Es geht nicht nur darum, Tatsachen festzustellen, sondern auch darum zur Befriedung der nach der Trennung meistens sehr gespannten und für die Kinder teilweise extrem belastenden Situation beizutragen. Dies setzt voraus, dass sich der SV mit den Rahmenbedingungen auseinandersetzt, um nicht willkürlich zu sein. Soweit gelegentlich die Forderung erhoben wird, dass der SV seine psychologische Tätigkeit völlig in den Dienst einer konsensfördernden Intervention zu stellen hat und deswegen auf eine psychologische Diagnostik verzichten kann, muss bedacht werden, dass hierbei fachpsychologische, rechtliche und ethische Grenzen unzulässig überschritten werden können.

Das Sachverständigengutachten hat eben zum einen die Aufgabe, dem Familienrichter bei dessen Entscheidungsfindung zu helfen, zum anderen aber auch, die Betroffenen, unter dem Gesichtspunkt des Kindeswohls, so weit wie möglich, mit psychologischer Hilfe bei der Erarbeitung einer eigenverantwortlich getragenen Lösung zu unterstützen. Diese beiden Zielvorgaben schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern führen bestenfalls zu einer integrierten Lösung, wie dies insbesondere im Rahmen der neuen Initiative in Augsburg praktiziert werden soll.

© Dr. Stella Stehle, 2007


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